Jul 19
Xia Xian
admin, 19. Juli 2010

Die Realität kann ganz schön bitter sein. In Österreich bleibt man von ihre weitgehend verschont, aber hier in China gibt es keine Trennung zwischen Milieu und Mittelstand. Da es hier auch sonst nicht viel gibt am psychologischen Sektor, und ausgebildete Streetworker schon garnicht, muss ich mir was von der Seele schreiben.

Wenn man in Österreich spazierengeht, in einer Stadt, sieht man viele Frisörläden. Vielleicht ist dir das noch nicht aufgefallen, aber auf so ca 300 Leute kommt ein Frisörladen. Hier in China ist das auch so, nur, dass man hier nicht unbedingt die Frisur gerichtet bekommt, sondern einen Massage, Intimmassage  oder Sex. Das alles weit unter dem Preis einer Frisur in Österreich.

China ist genaugenommen ein grosses Puff. Es gibt unendlich reiche Leute, die haben so viel Geld, dass sie ihre Ferarris in bar bezahlen. Und dann gibt es ganz ganz viele ganz arme Leute. Die haben gar kein Geld. Nicht wie in Österreich “kan Knödel”, nein, die haben nix, nur das Hemd und die Hose am Laib. Und ein paar zerfledderte Schuhe vielleicht.

Und der Chinese, also ich sag mal der Grossteil davon, wenn er ficken will, dann geht er ficken. Und wenn er kein Geld dafür hat, dann macht er es wie der Erpel mit der Ente: Vergewaltigung. Vergewaltigung ist Familiensache in China, und wird nicht verfolgt. Ich habe Szenen gesehen, die in Österreich undenkbar sind, man kann sich solche Sachen nicht mal ausdenken. Aber hier wird das toleriert.

Soviel zum Umfeld.

Letzte Woche war ich saufen und hab Xia Xian kennengelernt. Ich hab sie am Rande der Tanzfläche gesehen, sie stand verstört da, blickte unsicher um sich. Sehr hübsch, sehr unschuldig. Eine Unschuld, die man in Österreich nur bei manchen Kindern findet. Ich hab sie gefragt wo sie herkommt usw. Hab nicht viel rausgefunden, aber sie gab mir ihre Telefonnummer. Zurückrufen kann sie nicht, sagte ihre Bekannte, weil sie kein Geld am Handy hat. Ich hab ihr gesagt wir können uns morgen in der Stadt treffen, dann kauf ich ihr eine Telefonwertkarte.

Hab ich dann auch gemacht. Wir waren spazieren, und ich hab ihr eine Telefonwertkarte und was zum Essen gekauft. Sie sei 18 hat sie gesagt, von zuhause weggezogen, weil ihre Mutter sie immer geschlagen hat. Jetzt wohnt sie in einem ziemlich heruntergekommenen Viertel in einem Rotlichtbezirk, 700 Yuan kostet eine Pritsche im Mehrbettzimmer im Monat. Aber ihre Miete läuft am 5. August aus. Mehr hab ich nicht gefragt.

An einem anderen Tag war ich mit ihr und Freunden abendessen, danach noch tanzen. Sie wollte nicht nach hause, also durfte sie bei mir schlafen. Ich hab ihr Pyjiama und Zahnbürste und alles gegeben. Sie war richtig glücklich. Hat auch ein bisschen gechattet auf meinem Computer. Ich hab ihr ein Schulbuch gegeben und sie hat Sätze vorgelesen und Wörter die sie gerne mochte herausgeschrieben.

Sie war fast wie ein Kind, glücklich, in einer glücklichen Welt.

Das einzig uncoole an der Sache war, dass sie zuviel von KTV wusste. Das sind die Lokalitäten wo Geschäftsmänner hingehen zum Geschäfte abschliessen, und gemeinsam sich an Mädchen zu vergnügen. Striptease, Handjob, Blowjob, bei Gefallen mit ins Hotel und dann stramm durchgefickt. Gehört hier zum Geschäftsleben einfach dazu.

Ich hab sie beobachtet, beim Internetsurfen hat sie sich KTV Plätze angeschaut. Sie sagte ihre Freundin hat gesagt, man müsse dort nur Getränke servieren und könne an einem Abend 300 Yuan verdienen (mit 2500 Yuan im Monat kann ein Chinese/eine Chinesin schon halbwegs gut leben in China, für chinesische Verhältnisse).

Vorgestern hat mir Xia Xian gesagt sie sei in mich verliebt. Kein Wunder dachte ich mir, weil ich wohl der erste Mensch in ihrem Leben war, der sie gut behandelt hat. Ob ich sie auch liebe, hat sie gefragt. “Nein”, habe ich gesagt, “wie auch?” hab ich gesagt. Sie hat geweint.

Gestern hat sie mir geschrieben, dass sie sehr unglücklich sei. Sie wollte arbeiten im KTV, aber der Chef wollte mit ihr Sex machen, bzw konnte sie sich aussuchen mit ihm oder mit einem Klienten. Er hat ihr 5000 Yuan geboten. Sie hat viel geweint, und ist nicht zur Arbeit gegangen hat sie gesagt.

Ich wusste nicht was machen.

Heute wollte sie mich treffen, aber sie ist nicht gekommen. Ich hab ihr geschrieben und sie gefragt was los ist. Sie schrieb zurück “you don’t love me”. Ich hab geschrieben “where are you??”, sie hat geschrieben “somewhere very far. I only want to cry”

xiaxian_

Jul 14
Anna swimming
admin, 14. Juli 2010

Also meinen Freunden hab ich das ja schon geschickt. Aber ich weiss echt nicht was ich davon halten soll. Ich mein hier in China wird man ja täglich von diversen Irrsinnigkeiten überrascht …

anna_swimming

Also was ist davon zu halten? Das kann man mit dem Verstand ja kaum erfassen.

Ach so, du fragst dich, was für Irrsinnigkeiten? Nur zum Beispiel:

Gestern spazier ich so die Xinzha Lu entlang, eine normale Strasse mit 2 Spuren, bleibt ein Strassenreinigungsfahrzeug knapp vor mir stehen.

Dann springt eine Frau raus, dicke kleine Chinesin, um die 40 schätz ich mal, mit nem Apfel in der Hand. Sie marschiert zum nächsten Feuerhydranten, öffnet den mit dem grossen Werkzeugschlüssel, so dass da krass viel Wasser horizontal raussprudelt.

Dann bückt sie sich und fängt sorgfältig an ihren Apfel in dem Wasserfluss zu waschen! Das dauert sicher so 20 Sekunden, bis sie findet, dass der Apfel auch wirklich sauber ist. Dann geht sie zum LKW, setzt sich rein, und verstaut den Apfel sicher am Amaturenbrett. Pause.

Dann kommt sie raus, geht zum Feuerhydranten, und fängt an das Wasser abzudrehen.

Jo.

Ich mein …. hallo …

Jun 20
Verlotterung
admin, 20. Juni 2010

K. seine Sprachgewalt nimmt hier in China immer bizarrere Ausmasse an. Hier seine letzte E-Mail an mich:

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yo. machen wir.

Apr 5
Familienname
admin, 5. April 2010

Also mal ne erste Annäherung an das Thema.

Auslöser war, als ich den Familiennamen von einer Bekannten rausgesucht habe, und mich dabei an dem von Bruce Lee (李小龙) orientiert habe. Dabei habe ich nen Artikel gefunden der besagt, dass “die Chinesen” bis 1980 voll viele Mädchen umgebracht haben (bzw abgetrieben, oder eben nach der Geburt umgebracht), weil die den Familiennamen nicht weitertragen können.

Dann hab ich gelesen, dass es in China ca 600 verschieden Familiennamen gibt, so wie Wang, Li, Wong usw.

Also nicht so viele verschiedene.

Dann hab ich an meine eigene Misere gedacht, und dass ich mit 36 Jahren immer noch weit von einer eigenen Familiengründung entfernt bin, hauptsächlich deshalb, weil ich anscheinend zu dämlich bin ein geeignetes Mädel zu finden. Sigh. Seit ich 15 bin will ich ja schon ne Freundin, aber irgendwie scheint das nicht zu klappen.

Und da dachte ich an meine Grosseltern Mütterlicherseits, die ja auch “nur” 2 Töchter hatten, und somit ihren Familiennamen verloren haben, bzw meine Mutter hat ihn noch/wieder, aber das wird auch keine 200 Jahre mehr halten.

Also mein Vater hat das ja recht zielstrebig erledigt mit 2 Söhnen, aber naja, mal sehen.

So jetzt mein Punkt:

WAS SOLL DIESES GANZE FAMILIENNAMEN BLA BLA BRINGEN??

Ich mein, was soll der ganze Scheiss? Was hat das für einen Grund?

Besondere Menschen, Menschen, die eine ganze Generation eines Kontinents, oder der ganzen Welt, mit positiven, neuen Ideen versorgen, der Welt sozusagen ihren Stempel aufdrücken (wie z.b. Michelangelo, Montessori, Steiner, The Beatles etc) kommen nicht aus einer bestimmten Familie, sondern werden einfach irgendwo geboren und machen dann ihr Ding.

Also was soll der ganze Krieg und Aufstand um Familiennamen?

Erklärungen bitte in den Kommentar oder Mail an mich.

Mär 2
Schlafkultur
admin, 2. März 2010

R. hat sich echoviert, dass beim Feldenkrais die Leute einschliefen. Er regt sich darüber zunehmends auf.

Ich musste also darüber erneut nachdenken, und kam zu dem Schluss, dass R. natürlich Stuss redet. Viele meiner internen Meinungen sind schon recht sattelfest, da brauch ich nichtmehr rumzweifeln, auch wenn Respektpersonen anfangen rumlabern.

Also ich muss nochmal ein bisschen recherchieren:

Das Mittelalter dauerte so ungefähr bis 1500 danach nennt man die Zählung “Neuzeit”. Ludwig der XIV (dem sie das Kiefer zerstört haben) lebte so ca um 1640. Er war einer der ersten, der überhaupt ein Schlafzimmer hatte.

Das haben dann einige nachgemacht. Hat aber bis ca 1900 und länger gedauert, bis das alle nachgemacht haben. Davor haben Menschen einfach überall gepennt, wo sie Platz gefunden haben. Gerne auch im gleichen Bett oder Strohlager, oder vorm Ofen oder so. Wo’s halt Platz gab. Auch Gästen/Durchreisenden wurde ein Platz im eigenen Bett angeboten.

Erst die “im 19. Jahrhundert zunehmende Distanzierung von Frauen und Männern” (Zitat Süddeutsche) hat dann eine völlige Trennung der Zimmer gebracht, von da an mussten auch Kinder alleine schlafen usw.

Da frag ich mich auch, wie weit das Schuld der Produktdifferenzierung ist … ich mein, IKEA Schlafzimmer und so wollen ja auch verkauft sein.

Also das allein zeigt schon, wie leger Schlaf gewesen sein muss. Vor der industriellen Revolution wurde anscheinend nach Sonnenuntergang ein Nickerchen von bis zu 4 Stunden eingelegt, dann war man auf bis ca 2 in der früh, und dann wurde nochmals so 4 Stunden oder so geschlafen. (Quelle A Brief History of sleep)

Ich könnte mir vorstellen, dass es dann noch Nickerchen nachmittags usw gab, so wie Kafka, einer der letzten Verfechter des eigenen Schlafbedürfnisses das praktiziert hat. Allerdings wurde Schlaf früher wohl auch von den Faktoren Schlafplatzverfügbarkeit (wo kann ich ungestört pennen), und Ungeziefer (Läuse, Gelsen/Mücken) und sonstige Krankheiten (Hautjucken, Husten usw) bestimmt.

Dann …

Dann hat wohl die Geldgier gesiegt. Die Menschen wurden in Fabriken gezwungen (bzw gingen freiwillig, um auch mehr von dem Geld zu haben), und dann war der natürliche Rhythmus natürlich beim Teufel.

Arbeitszeiten (und Segen und Fluch Elektrizität) ruinierten die Möglichkeit bei Müdigkeit zu Ruhen. Weiters sank die gesellschafltiche Akzeptanz des Schlafes, bis die meisten Leute Angst hatten zu Schlafen bzw blöd über Schlafen redeten und über andere, die Schlafen wollten, spotteten, sie gängeln und fertig machen; das Verständnis für die Vorgänge des Schlafes ebenfalls. Die meisten Menschen sind schlechte Träumer, von OBE usw ganz zu schweigen, das ist soweit weg wie Atomphysik für den Grundschüler. Traurig traurig.

Und übriggeblieben sind ein paar Irre, die glauben, Schlaf sei was Schlechtes und sie hätten kein Schlafdefizit. Denen empfehle ich allen mal ein Sounder Sleep Seminar oder ein paar dutzend Stunden normales Feldenkrais bei mir.

ok nuff said.

Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag darauf hin zu wachen. (F. Nietzsche)

Bücher:

oh, und das muss ich auch noch rauskopieren, weil’s so geil geschrieben ist. oh mann, wie vermisse ich gute literatur … und gute gedanken … hm leben wir neuerdings in einer Welt der Unfähigen und Spinner??

Der Schlaf tagsüber, der für uns zum Inbegriff der Faulheit und Arbeitsscheu geworden ist, hat im 19. Jahrhundert in Iwan Alexandrowitsch Gontscharows berühmtem Roman „Oblomow“ ein bleibendes literarisches Denkmal erhalten: „Das Herumliegen war für llja lljitsch weder eine Notwendigkeit, wie für einen Kranken oder für einen Menschen, der schlafen möchte, noch eine Zufälligkeit, wie für einen Müden, noch ein Genuss, wie für einen Faulpelz: es war sein normaler Zustand. Wenn er zu Hause war (und er war fast immer zu Hause), lag er stets im Bett und stets in dem gleichen Zimmer, wo wir ihn vorfanden, das ihm gleichzeitig als Schlafgemach, Kabinett und Salon diente.“

(Quelle Sueddeutsche)

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